Heinrich Wessel

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Heinrich Wessel
Heinrich Otto Wessel (* 13. April 1904 in Lotte-Osterberg[1], † 6. Februar 1996 in Fallingbostel[2]) war ein deutscher Buchhalter, SS-Obersturmführer[3] und Adjutant des Kommandanten des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Bis 1937: Leben in Lotte und Ibbenbüren[Bearbeiten]

1904 wurde Heinrich Wessel als Sohn des Bauern Ernst (*3. Januar 1875 in Lotte-Osterberg) und Wilhelmine, genannt Minna, Wessel (geb. Kipp, *7. Juni 1873 in Leeden) in Lotte-Osterberg geboren[4]. Er hatte einen Bruder namens Otto Ernst[5]. Heinrich Wessel besuchte in Osnabrück die Mittel- und die Handelsschule und schloss mit der Mittleren Reife ab. Danach absolvierte er eine Ausbildung bei einer Privatbank in Osnabrück und arbeitete dort. 1925 wurde er im Zuge der Wirtschaftskrise entlassen.[2]

Von 1932 bis 1935 lebte Heinrich Wessel in Ibbenbüren. Hier arbeitete er in der Metzgerei seines Bruders. 1933 wurde Wessel Mitglied der NSDAP.[2] 1934 trat der der Allgemeinen SS bei (Mitgliedsnummer: 201029[6]). Als Grund nannte er, er habe irgendeiner Organisation der NSDAP angehören wollen und gute Freunde bei der SS gehabt. Danach lebte Wessel von 1935 bis 1937 bei seinen Eltern in Lotte-Osterberg und arbeitete als Buchhalter bei verschiedenen Firmen in Osnabrück[1].

In Ibbenbüren übernahm Wessel den Posten des Kreisorganisationsleiters der NSDAP. Als solcher schrieb er in der Festschrift zum Kreistreffen der NSDAP des Kreises Tecklenburg am 26. April 1936 in Ibbenbüren[7]:

1933 setzte nun schlagartig die Organisations- und Aufbauarbeit im ganzen Kreise ein. Oben vom Schafberge aus, der damaligen Wohnung unseres Kreisleiters, (Knolle) wurden die Probleme in Angriff genommen. Nur wenigen ist bekannt, wie dort die ganze Wohnung Parteibüro war und in nächtelanger Arbeit Schritt für Schritt unsere heutige Organisation über den ganzen Kreis gespannt wurde. Ibbenbüren war schon vor der Machtübernahme die Zentrale für den Kreis. Hier in Ibbenbüren lebte und lebt heute und immer die Partei im engsten Zusammenhang mit allen Berufsschichten des Volkes. Der Kreisleiter an der Spitze bestimmte Ziel und Marschtempo. In ungeheurem Tempo entstanden die ganzen Amtsleitungen in der Zentrale Ibbenbüren. Mit einigen Ausnahmen blieben sämtliche Amtsleitungen am Orte, um enges und bestes Zusammenarbeiten zu garantieren. Gleichzeitig wurden in allen Gemeinden des Kreises Ortsgruppen und Stützpunkte mit allen erforderlichen Ämtern und entsprechenden Mitarbeitern aufgezogen. So haben wir heute im Kreise 22 Ortsgruppen und Stützpunkte der NSDAP.

1939 - 1945: Einzug in die Waffen-SS und Dienst im Konzentrationslager Sachsenhausen[Bearbeiten]

Heinrich Wessel im Funkraum der Kommandantur des KZ Sachsenhausen
1939 wurde Wessel zur Waffen-SS eingezogen und anschließend ins Konzentrationslager Sachsenhausen zum Wachbataillon unter Gustav Wegner versetzt.[2] Vom 1. September 1942 bis zum vorletzten Aprilwochenende 1945[8] war Heinrich Wessel Lageradjutant im Konzentrationslager Sachsenhausen unter Anton Kaindl. Am 21. Juni 1943 wird er zum SS-Obersturmführer der Waffen-SS ernannt[6]. Er gab während seines Prozesses an, im Juni 1944 vier Monate lang auf Ernteurlaub zurück in Lotte-Ostenberg gewesen zu sein, weswegen er für Straftaten in diesem Zeitraum nicht zur Verantwortung gezogen werden könne[9].
Elsa Wessel beim Besuch des KZ Sachsenhausen vor der Kommandantur, keine Hundert Meter vor dem Häftlingsbereich
In der letzten Aprilwoche 1945 floh Wessel mit seiner Frau Elsa (* 4. Mai 1905 als Elsa Simon)[10] und seinem Vorgesetzten Kaindl mit dem Auto[11][8].

Zeugenaussage über Heinrich Wessel[Bearbeiten]

Schröter pointed out that Adjutant Heinrich Wessel (SS-Untersturmführer Heinrich Otto Wessel) was particularly brutal, usually visiting the Zellenbau at night-time and often beating the prisoners and probably witnessing their executions.[12]
Schröter hob hervor, dass Adjutant Heinrich Wessel (SS-Untersturmführer Heinrich Otto Wessel) teilweise brutal war, gewöhnlich den Zellenbau nachts besuchte, oft die Gefangenen schlug und wahrscheinlich ihrer Ermordungen beiwohnte.

1945 - 1960: Untergetaucht in Niedersachsen[Bearbeiten]

1945 taucht Wessel unter falschem Namen in Dorfmark unter. 1951 übernahm Wessel die Identität eines im Krieg vermissten Verwandten, nannte sich "Werner Bierbaum" und arbeitete wieder als Buchhalter. 1954 zeigte er sich selbst wegen falscher Namensführung an.[8] 1960 wurde er in Dorfmark verhaftet[13] und kam in Untersuchungshaft.[14]

1960 - 1962: Festnahme, Anklage und Verurteilung[Bearbeiten]

Schon 1956 hatten sich im Zuge von Ermittlungen gegen den ehemaligen Lagerarzt Heinz Baumkötter erste Verdachtsmomente gegen Heinrich Wessel ergeben. Eine Anklageerhebung wurde auf Grund von Zuständigkeitsveränderungen längere Zeit verschoben. Allerdings ergaben sich während dieser Zeit während Ermittlungen weitere belastende Verdachtsmomente gegen Wessel[15].

So hatte August Höhn in seinem eigenen Verfahren wegen Straftaten im Konzentrationslager Sachsenhausen Wessel wie folgt belastet[16]:

In October or November 1944 the camp assistant Wessel had called him one day and informed him that Berlin – he meant the Reich Main Security Office – was sending eight or nine inmates, foreign civilian workers, who in Berlin had formed a gang and looted after an air attack, to the camp for execution; he had instructed him ‘to make no big fuss with them’ and to ‘put them in the gas chamber’. He, the accused, had objected that he did not know anything about the operation of the gassing installation; thereupon Wessel had stated that he would come himself and instructed him to wait for him by the crematorium building. He, the accused, had thereupon gone to the crematorium. When he arrived there, Wessel, the accused Böhm, a block leader and two crematorium inmates had already been present. The delinquents to be executed, regarding whom he didn’t know who had brought them to the crematorium building, had in his presence undressed in the undressing room and gone through the connecting door into the gas room camouflaged as a shower installation. The door had been locked from the undressing room, in which he, the accused, was together with the other participants in the execution. Wessel had turned on the pressure ventilator, which was built in at the wall between the undressing room and the gas room close to the floor, had then had someone – he, the accused, didn’t know who it was – give him a capsule which, as he, the accused, knew, contained the liquefied poison gas, and had set it into the middle of the ventilator. After a short time already the pressure ventilator had been turned off again and the extractor built into one of the gas chamber’s outer walls had been put into operation; when the gas room had been sufficiently de-aired, the door had been opened and he, the accused, had seen the inmates killed by the gas. The physician present had established their death.

Im Oktober oder November 1944 rief der Lagerassistent Wessel ihn eines Tages zu sich und informierte ihn, dass Berlin - er meinte das Reichssicherheitshauptamt - acht oder neun Gefangene zur Exekution ins Lager schickte, ausländische Zivilarbeiter, die in Berlin eine Bande geformt und nach einem Luftangriff geplündert hatten; er beauftragte ihn ‘kein großes Aufhebens mit ihnen zu machen’ und ‘sie in die Gaskammer zu bringen’. Er, der Angeklagte, hatte eingeworfen, dass er nichts vom Betrieb der Vergasungseinrichtung verstünde; daraufhin hätte Wessel gesagt, er selbst würde kommen und beauftragte ihn beim Krematoriumshaus zu warten. Daraufhin ging er, der Angeklagte, zum Krematorium. Als er dort ankam waren Wessel, der angeklagte Böhm, ein Blockwart und zwei Krematoriumshäftlinge schon vor Ort. Die zu tötenden Straftäter, von denen er nicht wusste, wer sie in das Krematorium gebracht hatte, zogen sich in seiner Anwesenheit im Entkleideraum aus und gingen durch die Verbindungstür in den als Duschanlage getarnten Gasraum. Die Tür des Entkleideraums, in dem er, der Angeklagte, zusammen mit den anderen Beteiligten an der Hinrichtung war, wurde verschlossen. Wessel schaltete den Drucklüfter, der an der Wand zwischen dem Entkleideraum und dem Gasraum in der Nähe des Bodens eingebaut war, ein. Er ließ jemanden - er, der Angeklagte, wusste nicht, wer er war - ihm eine Kapsel geben, die, wie er, der Angeklagte, wusste, das verflüssigte Giftgas enthielt und gab sie in die Mitte des Lüfters. Nach kurzer Zeit wurde der Drucklüfter wieder ausgeschaltet und der in eine der Außenwände der Gaskammer eingebaute Dunstabzug in Betrieb genommen; Nachdem der Gasraum ausreichend entlüftet worden war, wurde die Tür geöffnet, und er, der Angeklagte, hatte die durch das Gas getöteten Insassen gesehen. Der anwesende Arzt stellte ihren Tod fest.[17]

Im Verfahren gegen Höhn tätigte Wessel folgende Aussage: Welchen genauen Auftrag das Sonderkommando Moll in Sachsenhausen ausübte, ist nicht zweifelsfrei zu klären. einerseits sagte der ehemalige Adjudant des KZ Sachsenhausen Heinrich Wessel aus, dass die erste Februar-Aktion nicht Moll, "sondern das Schutzhaftlager" verantwortete. Andererseits hatte "Moll damals auf Befehl des Inspekteurs der KL Glücks Exekutionen in Sachsenhausen durchzuführen". Laut Wessel war eine große Mordaktion geplant, wofür ein zweckdienlicher Platz für die Leicheneinäscherung gesucht wurde. "Moll fürchtete, die Öfen würden es nicht aushalten, wenn sie Tag und Nacht in Betrieb seien." Gemeinsam instpizierten sie das hahe gelegene Tongrubengelände, hielten es aber für ungeeignet.[18]

1962 stand Wessel am Landgericht in Verden wegen des Gasmords an 8 bis 10 Zivilarbeitern und bis zu 35 Ostarbeiterinnen im November 1944 vor Gericht[19]. Wessel bekannte sich vor Gericht mit "nicht schuldig"[20] und verteidigte sich mit der Aussage

lediglich Briefe geöffnet zu haben.[21]

Der Gerichtsvorsitzende sagte während des Verfahrens:

Das Sühnebedürfnis ist nach 20 Jahren nicht mehr so groß. Die Zeit hat gnädig einen Schleier des Vergessens über die Leiden der Opfer und die Tränen der Angehörigen gezogen.[3]

Aus diesem Grunde und weil er nur als so genannter Schreibtischtäter angesehen wurde, wurde Wessel am 6. Juni 1962 vom Landgericht Verden "trotz der vom LG klar erkannten Verantwortlichkeiten lediglich wegen Beihilfe zum Mord"[22] zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis[2] verurteilt[23]. Er verbüßte seine Haftstrafe in Celle und wurde im April 1966 auf Bewährung entlassen.[2]

Heinrich Wessel
Nach dem Absitzen seiner Strafe arbeitete Wessel wieder als Buchhalter bis er 1969 in den Ruhestand ging[8].

Austellung "Arbeitsteilige Täterschaft"[Bearbeiten]

Wessel war eine der Hauptfiguren der Ausstellung "Arbeitsteilige Täterschaft" in der Gedenkstätte Sachsenhausen[8] vom 15. März bis zum 14. Oktober 2017. Sven Felix Kellerhoff schreibt hierüber:

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er jemals persönlich handgreiflich gegen einen KZ-Häftling geworden wäre. Der gelernte Buchhalter, seit Februar 1933 Mitglied der NSDAP und der SS, stellte sich deshalb in seinem Prozess als „kleines Rädchen“ im Getriebe des KZ-Systems dar und kam damit bei seinen Richtern durch. In Wirklichkeit ermöglichte er durch seine effiziente Organisation den Massenmord überhaupt erst. Doch die Rechtsprechung der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren sah das (fast) immer anders.[8]

Einzelverweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Fritz Bauer, Justiz und NS-Verbrechen: Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Amsterdam University Press, 1968, Band 18, S. 497f.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Günter Morsch, Die Konzentrationslager-SS 1936–1945: Arbeitsteilige Täterschaft im KZ Sachsenhausen. Berlin 2018. S. 353–356.
  3. 3,0 3,1 http://www.zeit.de/1963/51/auschwitz-vor-gericht
  4. https://www.myheritage.de/names/heinrich_wessel
  5. Otto wurde 1959 Schützenkönig in Osterberg https://schuetzenverein-osterberg.jimdo.com/wir-%C3%BCber-uns/die-osterberger-k%C3%B6nige/
  6. 6,0 6,1 http://www.dws-xip.pl/reich/biografie/numery/numer201.html
  7. http://www.stadtmuseum-ibbenbueren.de/stadtgeschichte_aufsaetze_47.htm
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 8,5 Sven Felix Kellerhoff: "Massenmord mit pedantischer Organisation ", https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article165879772/Massenmord-mit-pedantischer-Organisation.html; vgl. AJR, vol. XVII, Nr. 6, Juni 1962, S. 6; http://www.ajr.org.uk/journalpdf/1962_june.pdf
  9. Fritz Bauer, Justiz und NS-Verbrechen: Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Amsterdam University Press, 1968, Band 18, S. 517
  10. https://www.myheritage.de/names/heinrich_wessel
  11. Gudrun Schwarz, Eine Frau an seiner Seite: Ehefrauen in der "SS-Sippengemeinschaft", Aufbau Verlag, 2000, S. 248f.
  12. Platon Alexiades, Target Corinth Canal: 1940-1944, Pen & Sword Ltd., 2005
  13. Feuille d'Avis de Neuchatel, 24. Februar 1960, s. http://doc.rero.ch/record/61647/files/1960-02-24.pdf
  14. JTA, 26.April 1962; http://www.jta.org/1962/04/26/archive/two-trials-of-nazis-charged-with-murder-of-jews-open-in-germany
  15. Andreas Eichmüller, Keine Generalamnestie. Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen in der frühen Bundesrepublik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2012, S. 360
  16. http://holocaustcontroversies.yuku.com/topic/1875/The-Sachsenhausen-Gas-Chamber
  17. Fußnote aus Zitatquelle: Public Prosecutor’s Office Düsseldorf File Number: 8 Ks 2/59, Judgment of 15.10.1960 against August Höhn and others (Central Office Ludwigsburg: Collection File 90, pages 150 f.)
  18. Hördler, Stefan, Ordnung und Inferno: Das KZ-System im letzten Kriegsjahr, Wallstein Verlag, 2015, S. 449
  19. http://www.deathcamps.org/gas_chambers/gas_chambers_sachsenhausen_de.html
  20. De vrije Zeeuw, 26. April 1962, S. 2, s. https://krantenbankzeeland.nl/issue/vze/1962-04-26/edition/0/page/2?query=
  21. Andreas Fritsche: SS mordete mit Stift und Pistole, Neues Deutschland, Ausgabe vom 19. Juni 2016; s. http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20170619nd2.pdf
  22. Günter Morsch, Organisations- und Verwaltungsstruktur der Konzentrationslager, in Benz, Wolfgang und Barbara Distel, Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1, Die Organisation des Terrors, Beck, 2005, S. 63
  23. s.a. Landesarchiv Baden-Württemberg, EL 48/2 I Bü 73, http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-106400